Band 3 der Hans Kelsen Werke im Mai 2010 erschienen

Die in Band 3 der „Hans Kelsen Werke“ versammelten 25 Beiträge sind in den Jahren 1911 bis einschließlich 1917 und damit gleich in mehrfacher Hinsicht in einer Umbruchphase entstanden.
Sie stehen, sub specie der politischen Zeitgeschichte, an der namentlich die Verhältnisse in Europa im Allgemeinen und in der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie im Besonderen revolutionierenden Zeitenwende, die der Erste Weltkrieg (1914–1918) markiert. Wissenschaftsgeschichtlich bilden die Jahre einenAusschnitt aus der Blütezeit der – vielleicht mit keiner anderen Stadt so sehr wie Wien verbundenen – Wissenschaftlichen Moderne. Aber auch in biographischer Hinsicht stellen die sechs Jahre nach der Habilitation im Jahre 1911 eine – wenngleich nicht in sich abgeschlossene – Phase des Um- und Aufbruchs zu Neuem dar: Unter persönlich-familiären Auspizien fällt in diese Zeit die Gründung einer eigenen Familie – mit Konversion zum Protestantismus und Heirat mit Margarete Bondi (1890–1973), mit dem Bezug einer eigenen Familienwohnung in der Wickenburggasse 23 im 8. Wiener Bezirk sowie schließlich mit den Geburten seiner beiden Töchter Anna (Hanna) Renata (1914–2001) und Maria Beate (Beatrice) (1915–1994). Beruflich umfassen die Jahre 1911 bis 1917 Kelsens Dozententätigkeit an der Exportakademie des k. k. österreichischen Handelsmuseums, seine ersten Lehrveranstaltungen zunächst als Privatdozent, sodann als titularer außerordentlicher Professor an der Universität Wien, aber auch – seit 1914 – seinen Kriegsdienst, in dem er es bis zum Hauptmann-Auditor und schließlich zum Referenten des letzten k. u. k. Kriegsministers Rudolf Freiherr von Stöger-Steiner bringt. Nicht zu vergessen, dass Kelsen bereits in jenen Jahren mit seinem Einsatz für die Wiener Volksbildung sein Verständnis des Zusammenhanges von wissenschaftlicher Weltanschauung und gesellschaftspolitischem Engagement praktisch werden lässt.
Last but not least besitzen die Jahre 1911 bis 1917 auch eine besondere werkgeschichtliche Stellung, versammeln sie doch zentrale Schriften Kelsens, in denen er den disziplinrevolutionierenden Ansatz seiner Habilitationsschrift „Hauptprobleme der Staatsrechtslehre entwickelt aus der Lehre vom Rechtssatze“ konsolidiert und für die Dogmatik operationalisiert, konzeptionell entfaltet und fortentwickelt. Auf dem Weg von der rechtstheoretisch-methodologischen Initialzündung in den „Hauptproblemen“ (1911) bis zur vollen – freilich niemals ein Endstadium erreichenden – Ausarbeitung der Reinen Rechtslehre in der „Allgemeine Staatslehre“ VIII HKW 2 (1925) und der Erstauflage der „Reine Rechtslehre“ (1934) gilt Kelsens Aufmerksamkeit gerade in den Jahren 1911 bis 1917 auf der einen Seite der Absicherung seines Ansatzes gegenüber konkurrierenden Lesarten des Rechts und der Rechtswissenschaft und auf der anderen Seite der Konsistenzialisierung und – in des Wortes positivster Bedeutung – Radikalisierung seiner eigenen Konzeption.
Markanteste Zeugnisse der Positionsbestimmung „nach außen“ sind die Auseinandersetzungen mit den seinerzeit aufkommenden soziologischen, aber auch kulturwissenschaftlichen Deutungen von Recht und Rechtswissenschaft in den Beiträgen „Zur Soziologie des Rechtes“ (1912), „Eine Grundlegung der Rechtssoziologie“ (1914/1915) sowie „Die Rechtswissenschaft als Norm- oder als Kulturwissenschaft“ (1916). Sie nimmt er zum Anlass, sich kritisch mit den – in den „Hauptproblemen“ noch nicht verarbeiteten – Ansätzen insonderheit von Heinrich Rickert und Emil Lask, Gustav Radbruch und Eugen Ehrlich sowie schließlich der Freirechtsbewegung in Gestalt von Hermann Kantorowicz zu beschäftigen. Die Neupositionierung „nach innen“, d. h. die – die Befangenheit in traditionellen Denkmustern nach und nach abschüttelnde – Fortentwicklung des in den „Hauptproblemen“ grundgelegten Ansatzes, erfolgt insbesondere durch die Schriften „Zur Lehre vom öffentlichen Rechtsgeschäft“ (1913), „Reichsgesetz und Landesgesetz nach österreichischer Verfassung“ (1914) sowie „Über Staatsunrecht“ (1914). In ihnen arbeitet er, um nur die wohl bedeutsamsten Neuerungen zu nennen, – neben der in den „Hauptproblemen“ betonten normativistischen Seite – deutlicher die positivistische Seite seiner Rechtslehre heraus; in ihnen ergänzt und relativiert er die statische Rechtsbetrachtung durch die dynamische, die Rechtsordnung als Rechtserzeugungs(– und -vernichtungs)zusammenhang deutende Sicht; hier legt er schließlich die Fundamente für die – jeweils in späteren Schriften noch deutlich elaborierter erscheinenden – Lehren vom Stufenbau der Rechtsordnung, von der Grundnorm sowie vom sogenannten Fehlerkalkül. Es möchte scheinen, dass die Fortentwicklung des eigenen Deutungsschemas für Recht und Rechtswissenschaft weniger von außen initiiert denn gleichsam von innen kommenden Einflüssen geschuldet ist. Alle wesentlichen konzeptionellen Neuerungen lassen sich nämlich als konsequentere Durchführung des Bisherigen und / oder als Einsichten verstehen, die sich den fruchtbaren Debatten der sich bildenden „Wiener Schule der Rechtstheorie“ verdanken, in der Adolf Merkl und Alfred Verdross eine herausragende Rolle spielen.

 

Aus einer Rezension zu Band 1:

"Bei den HKW handelt es sich [...] um eine hervorragende, weil außergewöhnlich hohen Ansprüchen gerecht werdende Werkausgabe. Sie wird, da der erste Band kraft seiner hohen Qualität für seine Folgebände spricht, einen optimalen Zugang zu den Werken Kelsens und mit der sorgfältigen, informationsreichen und sachkundigen editorischen Bearbeitung allen rechtstheoretisch Interessierten und allen Kelsen-Forschern wertvolle wissenschaftliche Beiträge bieten. Alles Lob für Matthias Jestaedt und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und alle guten Wünsche für die vor ihnen liegende Arbeit."

Heinz Peter Rill, Zeitschrift für Verwaltung 2008, 770 - 771

 

Detailangaben zu HKW 3

2010. Leinen. X, 871 Seiten.

ISBN 978-3-16-149438-3 € 179.00 (einzeln)
ISBN 978-3-16-149439-0

€ 159.00 (Subskription)

 

[Link zum Verlagsangebot von Mohr Siebeck]

 

 


 
 

 

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